Streifen des Monats: Victoria

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In der Nacht scheint alles möglich. Die Realität hat Pause, an ihre Stelle treten die Abenteuer. Der Film „Victoria“ zeigt 140 Minuten lang, was dann passieren kann. In Echtzeit, ohne Schnitt. Möglich machten das der Regisseur Sebastian Schipper, sechs Regieassistenten, der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen und drei komplette Tonteams. Der Film ist alleine wegen dieser Fakten sensationell, denn die Machart entzieht sich bisherigen Gewohnheiten. Ich habe „Victoria“ gestern im Kino gesehen und stecke gedanklich noch immer etwas im Rausch dieser Produktion auf Messers Schneide.

Erscheinungsjahr: 2015

Regie: Sebastian Schipper

Hauptrollen: Laia Costa, Frederick Lau

Die Geschichte beginnt harmlos: Die Kamera fängt wie zufällig die junge Spanierin Victoria beim Tanzen in einem Berliner Kellerclub ein. Sie lebt erst seit drei Monaten hier und hat bisher kaum soziale Kontakte. Kurz bevor sie nach Hause will lernt sie Sonne und seine Freunde Boxer, Blinker und Fuß kennen. Die „echten Berliner“ Jungs überreden sie, noch weiter durch die Straßen zu ziehen und auf ein Hausdach zu steigen. Als Zuschauer möchte man erst dabei sein, selbst mitlaufen und sich in die anfänglich leichte Konversation einklinken. Die Dialoge sind größtenteils improvisiert und wirken dadurch mitsamt der Sprachbarrieren, spontanen Witze und Gefühlsausbrüchen extrem real. Später ist man jedoch froh, vom Kinositz aus zuzusehen. „Victoria“ ist nämlich keine seichte Geschichte jugendlicher Blödeleien. Die Jungs wirken zwar locker, spaßig und etwas schräg, langsam wird aber klar, dass da etwas nicht stimmt: Boxer saß im Gefängnis und soll einem Bekannten nun einen Gefallen tun – in dieser Nacht.

Die Geschichte erscheint zunächst absolut real und könnte genauso jederzeit in irgendeiner europäischen Großstadt passieren. Die Dynamik entfaltet sich nach und nach, während der ersten Filmhälfte ist der Ausgang absolut nicht absehbar. Allmählich setzt die Morgendämmerung ein. Die Übergangsphase zwischen Nacht und Tag stellt eigentlich die Rückkehr in die Realität dar; das zunehmende Licht holt einen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ erlangte mit dem Spiel dieser Kontrastwelten globalen Ruhm. Bei „Victoria“ ist es anders: Hier wird die Geschichte immer hektischer, dramatischer und abgefahrener. Aus Albernheit wird Ernst, aus Drang wird Zwang.

Die Handlung entwickelt sich zum Sog. Schließlich hetzt man mit der Gruppe umher und fragt sich auf einmal, wie es so weit kommen konnte. Die Kamera fängt alles ein: Witz, Persönlichkeit, Ruhe, Dramatik und Action. So viele Dinge passieren, dass man hinterher im Kopf keine genaue Reihenfolge der Handlung mehr abschreiten kann. Hinzu kommt, dass die Protagonisten an einige der 22 Drehorte mehrmals wiederkehren. Alles musste zu Fuß oder mit kurzen Autofahrten erreichbar sein, um die einzige Kameraeinstellung nicht zu unterbrechen. Der wunderbare Nebeneffekt ist absolute Authentizität. Drehbuchautor, Produzent und Regisseur Sebastian Schipper bezeichnet das Projekt nach Fertigstellung selbst als irrsinnige Idee, die nur durch eine hirnrissige Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein umgesetzt wurde: „Film ist Illusion, da ist nichts echt. Überall liegen Kabel herum, drumherum stehen zwanzig bis dreißig Leute. Was man nachher sieht, ist der Zusammenschnitt der schönsten Momente. Perfektion fühlt sich tot an, das echte Leben ist nicht perfekt.“

Der Film ist auch ganz abseits der Handlung eine Meisterleistung – technisch, psychisch, physisch. Drei Anläufe und völlige Hingabe aller Beteiligten für die Situation waren nötig, bis die finale Fassung im Kasten war. Sie entstand am 24. April 2014 zwischen 4.00 und 7.30 Uhr morgens. Der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen trug beim Dreh übrigens ein Stirnband, damit ihm der Schweiß nicht in die Augen lief. Für seine 2,5 Stunden volle Konzentration wurde er auf der Berlinale 2015 mit dem Silbernen Bären für die herausragende künstlerische Leistung geehrt. Darstellerin Laia Costa bezeichnete die Arbeit als Droge. Sie sei traurig, eine ähnliche Rolle wohl nie mehr angeboten zu bekommen. Tatsächlich: Wer „Victoria“ gesehen hat, wünscht sich mehr dieser Filme und weiß gleichzeitig, dass es schwierig wird, solch ein Projekt erneut zu realisieren.

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