Über das Potenzial des ernsthaften Aufzugs

Kennt jemand noch Simon Gosejohanns Klamauk-Sendung „Comedystreet“? In dieser lief er unter anderem mal verkleidet als harter Rocker mit Lederkluft, Cowboystiefeln, blonder Perrücke und Pilotensonnenbrille durch die Straßen und sprach Passanten mit Fistelstimme an – bis ihm einfiel, dass er zum Blockflötenunterricht müsse und davoneilte. In dieser Rolle interviewte er sogar Lemmy Kilmister, Sänger von Motörhead. Der Gag entstand durch die Differenz zwischen Erwartungen und Wirklichkeit. Ein weniger lustiges Beispiel: Der New Yorker Investmentbanker Patrick Bateman aus „American Psycho“. Während er in der Öffentlichkeit die Fassade des reichen Yuppies mit teurem Kleidungsstil wahrt, begibt er sich privat in eine Abwärtsspirale aus Gewaltexzessen und Drogen.

Jeder Aufzug beinhaltet stumme Codes, ob sie nun zutreffen oder nicht. Der Jurist trägt Anzug, um seriös zu wirken. Ein Arzt tritt im weißen Kittel auf, mit dem er kompetent und auf das wesentliche konzentriert erscheint: unsere Gesundheit. Steve Jobs trug, was man neumodisch als „Normcore“ bezeichnen würde: Pullover, Jeans und New Balance Sneaker. Auch diese Kombination beinhaltet eine Botschaft, nämlich dass er sich outfitbezogen wahrscheinlich weniger Gedanken machen wollte, um stattdessen lieber an der nächsten Technikrevolution zu feilen. Kleider machen nun mal Leute und mit diesem Effekt kann man spielen.

Zu Weihnachten bekam ich ein schwarzes, hochgeschlossenes Kleid mit weißen Kragen. Folgende Attribute könnte man diesem Stück und seiner Trägerin spontan unterstellen: adrett, zurückhaltend, verklemmt, spießig, langweilig, konservativ. Eher keine Begriffe, mit denen ein junger Mensch beschrieben werden will.

kleidzugeschnitten1Ich trage dieses Kleid trotzdem gerne. Weil ich mich darin so verhalten kann wie Simon Gosejohann in seiner Comedystreet – anders als mein Aufzug es vermuten lässt, im positiven Sinne. Wenn ich dieses Kleid anziehe, fühle ich mich (dank weitem Schnitt und Stretchstoff) richtig bewegungsfrei und (trotz dunkler Farbe) meistens dynamisch und heiter. Ich kann darin zu A$AP Rockys „Fashion killa“ verrückter tanzen als sich Rihanna kleidet, morgens als letzte aus dem Club taumeln, eine Sonnenbrille aufsetzen und man würde vermuten, ich sei auf dem Weg ins Büro. Bisher habe ich das Kleid hauptsächlich mit Loafern und Strumpfhose kombiniert. Im Sommer kann ich es endlich ohne letztere und mit leichten Stoffschuhen tragen und dem Stück weitere Erinnerungen hinzufügen, die keiner vermuten würde…

Titelbild: Valentino Fall 2013 Ready-to-Wear

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